Sonntag, 20. Oktober 2019

Bericht über die Gestaltung der Unterführung am Kenzinger Bahnhof vom 19.-25.7.2019

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 Es gibt unterschiedliche Orte, die man bei über 35 Grad aufsuchen sollte. Ein Schwimmbad beispielsweise oder zumindest die Kühlregale im Supermarkt. Oder eben eine Unterführung am Bahnhof.


Eine ungewöhnliche Anfrage


Mitte des Jahres kam die Stadt Kenzingen mit der Anfrage einer Neugestaltung der Bahnhofsunterführung auf unseren Schulleiter Herr Feucht zu. Die Gestaltung einer solch großen Fläche stellt für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung dar. Schülerinnen und Schüler sind es aus dem Kunstunterricht in aller Regel gewohnt auf den normierten Din A-Formaten zu arbeiten und bei der Mehrzahl der Aufgaben arbeiten sie für sich alleine bzw. sind für ihr eigenes Resultat verantwortlich. Etliche dieser Resultate bekommen – natürlich neben dem argwöhnischen Blick des Lehrers – lediglich Mitschülerinnen und Mitschüler zu Gesicht und schaffen es allenfalls an die Pinnwand von Mamas oder Papas Arbeitszimmer. All dies ist bei einem solchen Gemeinschaftsprojekt im öffentlichen Raum nicht der Fall und macht es so zu einer ungewöhnlichen Herausforderung mit Potenzial auf Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizonts. Und weil so etwas im Zweifelsfalls auch Freude bereiten kann, sagte ich spontan zu.

Viele Fragen und die Suche nach simplen Antworten


Was ist das, eine Unterführung? Und was bedeutet das für deren Gestaltung? Wie lässt sich ein solcher Ort charakterisieren? Wodurch zeichnet er sich aus? Mit solchen grundlegenden Fragen beschäftigten wir uns bei der ersten Ortsbegehung. Und auch „profane“ Aspekte mussten Berücksichtigung finden: Michelangelo hatte für die Sixtinische Kapelle immerhin viereinhalb Jahre – wir gerade mal sechs Tage (und er musste nach meinem Kenntnisstand auch nicht zwischendrin noch eine Überlandfahrt in der Fahrschule absolvieren). Kurzum: Wie kann man ein solch nicht nur flächenmäßig großes Projekt konkret in Angriff nehmen? Eine Antwort lautete: möglichst simpel. Und so nahmen wir das „Stadtmitte“-Schild in der Unterführung, das Bahnreisenden begegnet, wenn sie von Gleis 1 nach Kenzingen kommen, als Ausgangspunkt, indem wir dessen Form- und Farbgebung aufgriffen, modifizierten und so erweiterten, dass unterschiedlich konkret Ortbezüge hergestellt werden konnten. Zentrale Gestaltungsfragen drehten sich schwerpunktmäßig um die Korrespondenz und das vielseitige Wechselspiel von Farben und Formen. Dass simpel hier nicht „einfach“ bedeutet zeigt das Resultat.
Zu diesem wären wir nicht gekommen, wenn im Vorfeld nicht zahlreiche Entwürfe angedacht, skizziert und durchgespielt worden wären. Sie waren so unterschiedlich wie es von 13 kreativen Köpfen der Kursstufe 11 zu erwarten war: 13 unterschiedliche Positionen die es zusammenzuführen galt, doch am Ende stand nach einigem Ringen und viel Kompromissbereitschaft ein gemeinsamer Entwurf mit dem wir, bis auf die Zähne mit Malutensilien bewaffnet, erwartungsfroh zum Bahnhof aufbrachen. Von da an begann der Wettlauf gegen die Zeit und für die Schönheit.
Es ist das Eine, schicke Entwürfe im Elfenbeinturm des BK-Raums zu entwickeln. Dann, vor Ort, ist vieles ganz anders. Keiner blieb für sich und schnell wurde deutlich wie wichtig es sein würde sich gegenseitig zu unterstützen. Über uns donnerten Züge hinweg und wir mussten feststellen, dass man am Bahnhof selten ungestört ist und es regelmäßig zu unterhaltsamen, witzigen, ermutigenden und stellenweise befremdlichen Begegnungen kam. Einer Schülerin wurden spontan 10 Euro in die Hand gedrückt. Welche Botschaft dahinter stecken mag bleibt Spekulationssache.

Ein Kunstprojekt das mehr ist als sein Ergebnis


Kunst ist Präsenz. Sie ist da und will gesehen werden, wobei das Ergebnis häufig als maßgebend erachtet wird. Dass die beteiligten Künstlerinnen und Künstler nach der Fertigstellung gerne ihre Unterschriften für das Gesamtwerk hergaben ist Indiz dafür, dass am Ende ein Ergebnis stand, das so nicht zu erwarten war und das tat, was Kunst eben gerne tut: sich selbst und andere (positiv) überraschen. Namentlich zu erwähnen sind deshalb zuvörderst die Akteure selbst: Lucienne Baer, Hannah Haurin, Jenny Heidt, Julia Helbling, Amelie Pfister, Leon Schatz, Leonie Scheld, Moritz Schmieder, Alisa Serbelis, Laila Stehlin, Helena Wangler, Cedrina Wingens und Sarah Zanger. Nicht selten dauerten die Einsätze bis in die späten Nachmittagsstunden und im Gegensatz zu Michelangelo verfügten wir auch nicht über Assistenzkünstler, die am Ende des Tages die Materialien reinigen und ordnungsgemäß aufräumen; eine schmerzhafte Erfahrung, die es deshalb zu betonen gilt, weil sich auch hierfür keiner zu schade war. Und so ist es neben jeder Menge handwerklichem Geschick und kreativen Einfällen, die nicht nur dann gefragt waren, wenn kurzfristig improvisiert werden musste, vor allem dem verlässlichen Engagement der Künstlerinnen und Künstlern zu verdanken, dass das Projekt mit einer gelungenen Punktlandung in letzter Minute erfolgreich beendet wurde. Dass Kunst hier Gelegenheit gibt zusammenzuwachsen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, ist genauso erwähnenswert wie das sichtbare Endresultat.

Wir sagen danke


Kunst ist aber auch immer ein Wagnis, das ohne Vertrauensvorschuss nicht möglich ist. Wir bedanken uns deshalb bei der Stadt Kenzingen und Bürgermeister Herr Guderjan, der uns den Auftrag (und dabei viele Freiheiten und natürlich das notwendige Kleingeld) gab. Seth vom Bauhof, der uns verlässlich mit all unseren Materialwünschen belieferte und uns auch ansonsten spontan und unkompliziert unterstützte. Wenn Schülerinnen und Schüler in ein mehrtägiges Projekt involviert sind, tangiert das auch immer den Gesamtbetrieb einer Schule. Wir danken unserem Schulleiter Herr Feucht, der uns den zeitlichen Freiraum zur Verfügung stellte und natürlich auch allen Lehrerinnen und Lehrern, die bereitwillig ihre Unterrichtszeit für uns zur Verfügung stellten. Und für unseren Mann im Hintergrund: Es ist ein offenes Geheimnis, dass ohne unseren Hausmeister (die Betonung liegt auf dem zweiten Teil des Wortes) Herr Kaspar an unserem Gymnasium wenig läuft. So sehr ein solches Projekt im Vorfeld auch durchdacht wird, so sehr fällt einem im praktischen Vollzug immer wieder etwas auf, dass unberücksichtigt blieb; gut zu wissen, dass man dann jemanden hat, der einen tatkräftig unterstützt.

Kunstlehrer Oliver Pailer

 


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